Vortrag: Stipendiatenkonzert 2003

Tilla Stöhr

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte Sie erst einmal sehr herzlich begrüßen!

Ich stehe heute vor Ihnen als Stipendiatin Ihres Richard-Wagner-Verbandes, dessen Vorsitzenden, Herrn Krath, ich während meiner Tätigkeit als dramaturgin für Presse- und Öffent-lichkeitsarbeit bei den Bergischen Symphoniker im Jahr 2001 kennen lernte. Durch unsere erfolgreiche Zusammenarbeit bei der gemeinsam veranstalteten Wagner-Gala schlug mich Herr Krath als Stipendiatin vor.Und so widerfuhr mir die Ehre, in diesem Jahr den kompletten „Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Festspielen miterleben zu dürfen.

In meinem kurzen Vortrag möchte ich zunächst etwas zum Ablauf meines diesjährigen Bayreuther Aufenthaltes erzählen, dann als 2. Punkt auf die Inszenierung des „Rings“ in der Regie von Jürgen Flimm sowie die sängerischen Leistungen der Darsteller eingehen und zum Abschluss meine persönlichen Eindrücke kurz zusammenfassen.

2) [mein Bayreuther Aufenthalt]
In jedem Jahr werden von den nationalen und internationalen Wagnerverbänden
250 Stipendiaten nach Bayreuth entsandt, um die Festspiele mitzuerleben. In diesem Jahr kamen sie aus 36 Ländern.
Zu unserem – von der Stipendienstiftung zusammengestellten Programm –
gehörte der Besuch eines Einführungsvortrages von Manfred Jung an den Festspieltagen. Manfred Jung wirkte in den 70er Jahren selbst als Siegfried in Bayreuth mit und konnte daher seinen Vortrag auch durch Einbringen eigener Erlebnisse und Anekdoten spannender gestalten.
Das sich an den Vortrag anschließende Mittagessen wurde den Stipendiaten an den Aufführungstagen kostenlos angeboten.
Zum Stipendiatenprogramm gehörte auch eine Festspielhausführung mit
Wolfgang Wagner und wir konnten an Führungen durch die Stadt
und das Richard-Wagner- und das Franz-Liszt-Museum teilnehmen.
Zu den weiteren Annehmlichkeiten der Bayreuther Woche gehörten ein
festlicher Empfang aller Stipendiaten im Arvena-Kongress-Hotel mit musikalischen Beiträgen der Stipendiaten.

Und nicht vergessen zu erwähnen
möchte ich auch die freundliche Einladung von Herrn Krath
zu einem schönen Abendessen – unter freiem Himmel – im Café Richter.

Ich selbst hatte Quartier in einer gemütlichen Pension unweit des Festspielhauses in der Rien-zistraße genommen. Dort wollte es der Zufall, dass ich mit zwei Damen des Kölner Richard-Wagner-Verbandes, darunter der Vorsitzenden, zusammentraf.
So ergaben sich, besonders beim morgendlichen Frühstück, viele interessante Gespräche und Diskussionen über das am Vorabend Erlebte.

Dies führt mich direkt zur Inszenierung des Bayreuther „Ring des Nibelungen“, der in der Regie von Jürgen Flimm erstmalig im Jahr 2000 über die Bühne ging.

3) Jürgen Flimm
Jürgen Flimm, Jahrgang 1941, erwarb sich seinen Ruf als hervorragender Schauspielregisseur mit Tschechow-Inszenierungen,
etwa mit dem „Kirschgarten“ 1983 in Köln; wo er seit 1979 Intendant war. 1985 übernahm er die Intendanz des Hamburger Thalia Theaters.
Nach 20 Jahren Schauspielregie verlegte sich Jürgen Flimm auch auf das Musiktheater. Be-sonders intensiv arbeitete er mit dem Dirigenten Nikolaus Harnoncourt zusammen.
In der Nachfolge von August Everding wurde Flimm Ende 1999 zum Präsidenten des
Deutschen Bühnenvereins gewählt.
Seit 2002 ist er Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele.

Der Bayreuther Ring
Wie sie soeben gehört haben, kommt Jürgen Flimm von der Schauspielregie.
Er ist ein rechter Theatermann und so verwundert es nicht, dass er und sein Regieteam in Bay-reuth die „Re-Theatralisierung“ des „Rings“ angestrebt haben.

Was muss man darunter verstehen?

Jürgen Flimm entwickelte einen politischen Ansatz. Ihm geht es darum, die Figuren ohne Pathos zu zeigen, ihnen den Mythos zu nehmen.
So wird aus dem Gott Wotan ein korrupter Machtpolitiker, so wie wir ihn aus den Medien kennen: mit Nadelstreifenanzug, Laptop und schickem Büro in seiner modernen Machtzentrale – Walhall.
Flimms Einstellung ist eindeutig. Er sagt: „für mich ist der Prüfstein jedes Klassikers, wie viel Gegenwart er verträgt.“
Dieses Mehr an Gegenwart ist mit einem Weniger an Mythos verbunden.
Dazu meint Flimm: „Der Mythos ist eine Projektion, Götter sind Projektionen der Menschen. Insofern muss man alles mythische Geschehen zurückbinden in unsere Gegenwart.“

Ausgehend von diesem Ansatz, kommen uns die Personen in ihrem Auftreten, ihrer Kleidung und natürlich auch die Orte, an denen sie agieren, sehr bekannt vor. Kritiker allerdings mo-nierten bei diesem Verfahren die Tendenz zur Vereinfachung und Banalisierung. Um hier Beispiele zu nennen: Alberich, des Goldes beraubt, kommt mit der Plastiktüte von Aldi daher; Brünnhilde schmiert Siegfried zum Abschied am Frühstückstisch seine Brötchen;
Wotans modernes Büro verfügt selbstverständlich über Papierschredder und Wasserspender.

Die Bühnenbilder von Erich Wonder reichen von verfaulten Schiffswracks über den
bürgerlichen Salon der Jahrhundertwende bis zur kühlen Metall-Glas-Konstruktion in der „Götter-dämmerung“ – Sitz der Gibichungen-AG.
Als Walkürenfelsen dient ein hoher metallischer Turm, der sich muschelartig um die
schlafende Walküre klappt und am Ende durch eine Feuerwand geschützt wird.

Die Personenführung Flimms setzt auf realistische Darstellung und nachvollziehbare Motiva-tion. So entwickeln sich die Handlungen der Personen nicht aus mythologischen, sondern psychologischen Zusammenhängen. Hier gelingen Flimm äußerst interessante Ansätze. Etwa wenn er die auf Siegfried einwirkenden Zaubertränke als „Gehirnwäsche“ interpretiert: dar-aufhin verliert Siegfried das Zentrum seiner Existenz: die Liebe zu Brünnhilde. So bleibt Siegfried das Instrument in den Händen der Mächtigen und kann nicht zu seiner eigenen Identität finden.
Ein äußerst ungewöhnlicher Regieeinfall Flimms ist die Charakterisierung des Hagen. Ihn führt er bereits als kleinen Jungen an der Hand von Alberich ein, als dieser sich mit Wotan um den Ring streitet. Später wird Hagen von Flimm als unglückselige Gestalt gezeigt, ein Selbstmördertyp, von inneren Skrupeln zerfressen, der sich am Ende freiwillig in Walküres Schwert stürzt. Zuvor hat diese schwächliche Gestalt allerdings Siegfried getötet, was nicht gänzlich überzeugen kann. Man hat den Eindruck, dass sich diese Deutung des Hagen nicht in der Musik Wagners wiederfindet.

Daneben gelingen Flimm beeindruckende Szene, die im Gedächtnis haften bleiben. Als
Zuschauer ist man regelrecht erschrocken und ergriffen, als die im Finale der „Walküre“ die in-nig ersehnte Versöhnung zwischen Brünnhilde und Wotan – eben nicht stattfindet. Denn als sich die Walküre sanft Wotan zum letztem Abschied nähern möchte, wendet er sich brüsk von ihr ab.

Doch Jürgen Flimm wäre nicht Jürgen Flimm, würde es ihn nicht immer wieder in den
Fingern jucken, kleine Späßchen in die Handlung einzubauen.
So darf Siegfried seinen berühmten Hornruf „vom Blatt“ spielen, indem er sich die Partitur vor die Nase hält. Die Rheintöchter treten zuweilen als beinschwenkende Revuegirls auf, zuvor haben sie sich allerdings noch dieselbigen mit großer Hingabe rasiert.

Noch ein Wort zu den Sängern: umwerfend war Evelyn Herlitzius als Brünnhilde. Wohl ist sie stimmlich und physisch keine Birgit Nilsson, aber dies vermag sie durch darstellerische Behendigkeit und bis an ihre Grenzen gehendes Engagement wettzumachen.
Alan Titus als Wotan präsentiert sich äußerst überzeugend mit großer, sonorer Stimme und Spielfreudigkeit.
Wolfram Schmidt, seit vielen Jahren auf dem grünen Hügel zu erleben, gab einen souveränen Siegfried.
Gefeiert wurde auch die Fricka von Mihoko Fujimura, Olaf Bär als Gunter, der Alberich von Hartmut Welker und der quirlige Graham Clark als Mime.
Und Adam Fischer am Pult des 150-köpfigen Festspielorchesters ist schon längst aus der Rolle des Ersatzmannes für Giuseppe Sinopoli herausgewachsen.

Insgesamt erlebten wir viele Stunden Wagnermusik, geboten auf höchstem Niveau, und durf-ten an einer unterhaltsamen, wenn auch nicht in allen Punkten überzeugenden Inszenierung teilhaben.

Sehr geehrte Damen und Herren,
wie Sie sich vorstellen können, litten auch die Festspielbesucher unter der großen Hitzewelle dieses Jahres. Daher suchten viele in der Pause eine erfrischende Abkühlung. Die fand sich in einem Kneipp-Freiluftbad unweit des Festspielhauses. Dort herrschte riesiger Andrang bei den zwei Wasserbecken! Der Anblick der vielen hochgeschürzten Abendkleider wird daher auch zu meinen bleibenden Eindrücken des Bayreuther Sommers 2003 gehören!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!


Rückblick 2003

Jahresbericht_2003.pdf

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