Rückblick 2004

Vortrag von: Frau Prof. Eva Märtson, Hannover stellvertretende Präsidentin des Richard Wagner Verbandes International e.V., am 21. Februar 2004 im Kammermusiksaal des Dt. Klingenmuseums, Solingen-Gräfrath mit den Stipendiaten Christine Köhler, Sopran; Natascha Valentin, Mezzosopran und Christian Zimmer, Flügel.


,,was wissen unsere liebsten Freunde von uns…?’’


Ein Portrait: Cosima Wagner, geb. Liszt, gesch.v.Bülow

Minna Wagner, geb.Planer, Mathilde Wesendonck und Cosima v.Bülow, geb.Liszt waren die drei Brennpunkte im Leben des Komponisten Richard Wagners,


- eine, die er heiratete,

- eine, die seine unsterbliche Geliebte war,

- und eine, die ihn heiratete.

Sie hatten jede besondere Bestimmungen im Leben Wagners zu erfüllen,
jede trat in dem ihrer Aufgabe nach richtigen Zeitpunkt in seine Erdbahnen.
Minna Planer trug die längste aller gemeinsamen Zeiten. Dreissig lange
Ehejahre an der Seite eines Genies! Welcher von ihnen gehört der Preis?
Eine schwer zu entscheidende, müßige Frage. Sie alle haben, jede in ihrer Art, unvergängliche Dienste um den Menschen wie um den Künstler sich errungen
und besitzen ein Anrecht auf Beachtung in der Nachwelt!


Wagner´s Russ nach dem Stipendiatenkonzert 2004 von unseren Stipendiaten umringt.

Eva Rieger

Minna und Richard Wagner.Stationen einer Liebe
Artemis & Winkler, 2003, ISBN 3-538-07154-3, zahlreiche s/w Abb.,450 S.,28,--€

Buchrezension
(Erstabdruck: VivaVoce Nr. 67, Frühjahr 2004)

von Tilla Stöhr

Sommer 2003: während meines Bayreuther Aufenthaltes anläßlich der Festspiele nehme ich an einer Stadtführung teil. Vor der Villa Wahnfried versuche ich arglos, die Stadtführerin auf Minna Wagner anzusprechen. Diese lieferte nun die bekannten Klischees ab: von der hausbackenen ersten Ehefrau Wagners ohne Verständnis für das Genie ihres Mannes. Leider verfügte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht über genügend Gegenargumente, da ich das Buchvon Eva Rieger gerade erst begonnen hatte. Dies spornte mich aber nun umsomehr zum Weiterlesen an und ich muss sagen: die Lektüre lohnte sich. Ein so differenziertes und sympathisches Bild der Minna Wagner, geborene Planer, wurde zuvor noch nicht gezeichnet.

Literatur über Frauen an der Seite Richard Wagners: hier dominiert eindeutig der Lobpreis Cosima Wagners. Aber wer war eigentlich Wagners Erstangetraute Minna Planer? Obwohl Minna Wagner ganze 29 Jahre mit Richard Wagner verheiratet war (und damit 16 Jahre länger als Cosima), ist ihr die Treue zum größten Pump-Genie (Thomas Mann) nicht gedankt worden. Von den Wagnerianern wurde sie meist als kleinbürgerliche, verspießerte und leichtlebige Person dargestellt. Minna Planer wurde mit 15 Jahren ungewollt schwanger und brachte daher eione Tochter (Nathalie) in die Ehe mit Wagner ein. (Dass sie Nathalie ihre Mutterschaft verschwieg und sich zeitlebens als ihre Schwester ausgab, erklärt sich nur aus damals geltenden Moralvorstellungen.) Minna Wagner war vor ihrer Ehe eine erfolgreiche Schauspielerin. Dieser Lebensabschnitt wird von Eva Rieger erst-malig näher beleuchtet und aufgewertet. In den Jahren an der Seite Richard Wagners beschränkte Minna sich auf ihre Rolle als Hausfrau, die sie mit viele Geschick auszuführen verstand. Dabei übernahm sie wegen der ständig knappen Finanzen auch sämtliche Dienstbotentätigkeiten und sorgte sich in vielerlei Hinsicht um Richards stets angegriffene Gesundheit. Ein tragischer Unfall während der dramatischen Flucht des Ehepaares Wagner aus Riga - Richard musste wieder einmal seinen Gläubigern entkommen - führte zur Unfruchtbarkeit der jungen Frau. Die Strapazen der kommenden Jahrzehnte, hervor-gerufen durch den unsteten Lebenswandel Richard Wagners, der seines Fortkommen willens oft den Wohnort wechselte, zehrten hart an den körperlichen und geistigen Ressourcen Minna Wagners.. In ihren letzten Jahren getrennt von Wagner lebend, starb sie am 25.1.1866 im Alter von 53 JJahren an einem Lungenödem. (Ihr Grab, das 1991 von der Stiftung Bayreuth saniert wurde, befindet sich auf dem Alöten Annenfriedhof in Dresden.)
Eva Rieger wertete einen reichen Brieffundus aus, darunter 140 Briefe aus der Hand Minnas und 400 Briefe und Gedichte von Richard an seine erste Ehefrau. Dabei entsteht vor unseren Augen dasBild einer patenten, praktisch-veranlagten, ja humorvollen Person. Mit beiden Beinen im Leben stehend, versuchte sie stets Wagner, - der den Prunk liebte, obwohl er so gut wie nichts verdiente -, auf den Boden der Realität zurückzuholen. Dies legte er ihr allerdings als Mangel an Liebe und ehelicher Solidaritätaus. So Kolidierten stets seine Karrierepläne mit ihren Sorgen im alltäglichen Überlebenskampf. Obwohl Wagner sich von Minna als Genius nicht vollständig anerkannt fühlte, hielt er doch in großer Anhänglichkeit, ja fat neurotischer Abhängigkeit an ihr fest. Du weißt, trotzdem ich die Freiheit u. Ungebundenheit über Alles liebe, so neige ich mich doch keineswegs zum bloßen Herumfahren in der weiten Welt: eine Heimat muß ich immer wissen, u. diese Heimat, mein liebes Weib, bist mir ganz allein. Wagner brauchte zum Komponieren sein gemütliches Heim, was ihm nur Minna zaubern konnte.
Das Verdienst Eva Riegers ist es nun, unter Zurhilfenahme einer Vielzahl an Original-zitaten aus Briefen und Dokumenten im Verbund mit ihren um Objektivität bemühten Kommentaren, den vielen Widersprüchen dieser Beziehung nachzuspüren. Denn bis zum Schluss sprechen aus den Briefen beider echte Zuneigung, wenn sich die Partner auch am Ende der Ehe vollständig entfremdeten. Interessant zu erfahren ist auch, dass Richard Wagner Minna stets in seine Opernpläne miteinbezog und sie ebenfalls lebhaften Anteil daran nahm. Allerdings konnte sie späteren Werken wie Tristan und Isolde aufgrund der Wesendonck-Affäre und dem hochambitionierten Ring des Nibelungen wenig abge-winnen . Ein erster ernsthafter Bruch im ehelichen Zusammenleben wurde durch Wagners Engagement in den Revolutionsjahren 1848-49 hervorgerufen, als er seinen einzigen, gut-bezahlten Posten als sächsischer Kapellmeister verlor. Dies konnte ihm Minna nie ver-zeihen, da diese Tätigkeit endlich einmal eine gewisse finanzielle Basis in ihren Alltag gebracht hätte.
Der Vergleich Minnas mit Anbeterinnen des Wagnerschen Werkes wie Mathilde Wesendonck und Cosima ist ungerecht, da die finanziellen Verhältnisse hier gänzlich anders lagen. Die aufkeimende Liebesbeziehung Richard Waghners zu Cosima , die damls noch mit Hans von Bülow verheiratet war, viel auch zufällig mit der plötzlichen Unter-stützung des Komponisten durch seinen größten Verehrer - König Ludwig II (ab 1864) - zusammen. Von diesen Verhältnissen konnte Minna nur träumen: sie hatte als Gefährtin Richard Wagners seine härtesten und entbehrungsreichsten Jahre in London, Paris und im Züricher Exil mit ihm teilen müssen. Die Stationen dieser Ehe in ihren zahlreichen Facetten zeichnet Eva Rieger in ihrem Buch datailfreudig und anschaulich nach. In der ohnehin schon äußerst umfangreichen Wagner-Literatur füllt diese Publikation allerdings eine längst überfüllige Lücke.


Rückblick 2004

Jahresbericht_2004.pdf

139 K